Öffentliche Ringvorlesung Digitalisierung Sommer 2017

[hier geht's zu den Veranstaltungen im Sommer 2019 und 2018]

Die schnelle Verbreitung des Internet in der Gesellschaft hat einen weitreichenden zivilgesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umwälzungsprozess befördert. Zunächst nur eine technische Infrastruktur, ändert das Internet heute fundamental die Art und Weise, wie Menschen kommunizieren und sich informieren, wie ihre Arbeitswelt aussieht und sie ihre Freizeit gestalten, wie politische Prozesse funktionieren, Meinungen entstehen und wie Werte geschaffen und Wissen vermittelt wird. Damit hat das Internet tiefgreifende Auswirkungen auf die zivilgesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung eines Landes und seine Position im globalen Wettbewerb.

Dieser Wandel stellt auch die deutsche Gesellschaft vor große Herausforderungen. Auch hier trifft der Umbruchprozess auf eine Gesellschaft mit gewachsenen Sozialbeziehungen, auf ein international erfolgreiches wirtschaftliches System und auf Menschen, die in ihrer großen Mehrheit diese Gesellschaft mit viel Engagement mittragen und weiterentwickeln wollen. Der mit dem Internet und der Digitalisierung verbundene Umbruchprozess findet nicht auf der "grünen Wiese" statt. Er muss von einer gewachsenen Gesellschaft aktiv gestaltet werden. Um den erreichten gesellschaftlichen Zusammenhalt zu wahren, ist es gerade in Deutschland und anderen Industriestaaten erforderlich, die sich abzeichnenden Veränderungsprozesse aufmerksam durch politische Maßnahmen zu begleiten, um ihre gesellschaftlichen und ökonomischen Chancen nutzen und Verwerfungen frühzeitig entgegensteuern zu können. Die technologischen Veränderungen und Möglichkeiten treffen die Gesellschaft mit einer derartigen Wucht, dass sogar die entscheidende Frage, wie die Gesellschaft im Zeitalter der Digitalisierung eigentlich aussehen und funktionieren soll, nicht oder nur zögerlich gestellt wird und das enorme gestalterische Potential ebenfalls nicht oder nur sehr zögerlich debattiert und realisiert wird. Wir wollen dazu beitragen, die Gesellschaft zu ermächtigen, auch in Zeiten der Digitalisierung ihr Schicksal aktiv selbst zu gestalten und nicht passiv Opfer unverstandener oder nicht erkannter Entwicklungen zu sein.

In Zusammenarbeit mit dem Munich Center for Internet Research und unterstützt durch das Zentrum Digitalisierung.Bayern veranstaltet die Fakultät für Informatik der Technischen Universität München deswegen eine öffentliche Ringvorlesung zum Thema Digitalisierung. Betrachtet werden soll das Thema aus der Perspektive unterschiedlicher Disziplinen, um so ein übergreifendes und interdisziplinäres Verständnis der Materie zu erzielen.

 

Themen und Vortragende jeweils am Dienstagabend um 18:00 im Hörsaal 2 des Mathematik/Informatik-Gebäudes, Boltzmannstraße 3 in Garching

  1. Rainer Janssen, IT Evangelist, ehemals CIO Müncher Rück (25.4.):
    Digitalisierung: Hype, Horrorszenarien und mögliche Wirklichkeiten [Skript]
    Wir digitalisieren menschliche Arbeitsprozesse schon seit 60 Jahren. Was ist heute so anders, dass plötzlich Digitalisierung in aller Munde ist? Der Vortrag versucht den Hype von den grundsätzlichen treibenden Faktoren zu trennen. Die Veränderungen zeichnen sich schon lange ab, aber das Kippen des Systemzustands geschieht scheinbar abrupt.
  2. Dietmar Harhoff, Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb (2.5.):
    Ökonomische Analysen der Digitalen Transformation [Folien]
    Die Gestaltung der digitalen Transformation ist längst keine rein technische Aufgabe mehr. Ökonomische Analysen können dazu beitragen, die Herausforderungen und mögliche Lösungsansätze zu verstehen. Im Vortrag werden zentrale Elemente einer ökonomischen Analyse der Digitalisierung vorgestellt. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Betrachtung von Kostenstrukturen für Markteintritt, Unternehmensgründung, Innovation und die Organisation der Arbeit. Die Analysen werden anhand von Sektorbeispielen erläutert.
  3. Oliver Droske, Europe Head of Client Success and Lab Services und Peter Eggen, Head of Ecosystem - IBM Watson IoT Center (9.5.):
    Entering the Era of Cognitive IoT
  4. Eli Noam, Columbia Business School (16.5.)
    Cloud TV: Technology, Business, Content, and Policy [Folien]
  5. Stefan Mittnik, LMU München und Scalable Capital (23.5.):
    Digitalisierung der Geldanlage [Folien]
    Die Digitalisierungswelle macht auch vor der Finanzwelt nicht halt. Etablierte Finanzdienstleister fürchten ihre Zerlegung („Unbundling“) durch junge, technologiebasierte Finanzunternehmen, sogenannte Fintechs. Der Vortrag gibt einen Überblick über die Entwicklung des Fintech-Sektors, wirft einen eingehenderen Blick in die Welt der digitalen Geldanlage und diskutiert mögliche finanz- und volkswirtschaftliche Implikationen der Digitalisierung.
  6. Jens Grossklags, Cybertrust, TU München (30.5.):
    Privatheit in einer digitalisierten Welt? [Folien]
    Die Nutzung persönlicher Daten rückt zunehmend in den Kernbereich der Digitalisierung. Zahlreiche neue und alte Geschäftsmodelle, aber auch nichtkommerzielle Anwendungen, versprechen Vorteile von einer noch intensiveren Analyse unserer digitalen Daten. Zeitgleich drängen viele Interessenten auf eine noch tiefgreifendere Digitalisierung unseres Alltags. Wie kann ein Raum für Privatheit in solch einer Umgebung (weiterhin) überleben?
  7. Andreas Boes, Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung München (13.6.):
    Produktivkraftsprung Informationsraum - Soziologische Perspektive auf den Umbruch in Wirtschaft und Gesellschaft [Folien]
    Die digitale Transformation markiert einen grundlegenden Umbruch für die Gesellschaft – historisch vergleichbar mit der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert. Aus soziologischer Sicht steht die Herausbildung eines weltweit verfügbaren Informationsraums auf der Basis des Internets im Zentrum dieser Entwicklung. Dieser Informationsraum bildet nicht nur die Grundlage für die Vernetzung komplexer Maschinensysteme, sondern stellt vor allem eine neuartige soziale Handlungsebene dar. In meinem Vortrag thematisiere ich die Folgen dieses Umbruchs mit Blick auf die Auswirkungen auf Wirtschaft und Arbeit in der Gesellschaft.
  8. Manfred Broy, Zentrum Digitalisierung.Bayern (20.6.):
    Digitalisierung - Informatik im Spannungsfeld zwischen wissenschaftlichen Herausforderungen und wirtschaftlicher Umsetzung [Folien]
    Der Begriff der Digitalisierung umfasst die Anwendung digitaler Technik, also im Kern der Informatik in allen Bereichen der Wirtschaft, aber auch allgemeiner der Gesellschaft, und die dadurch ausgelösten grundlegenden Veränderungen. Die Informatik steht damit im Mittelpunkt als die Disziplin, die die Digitalisierung trägt. Bedingt durch die sich schnell geänderte Bedeutung der digitalen Technologie, insbesondere für die Unternehmen, aber auch für die Gesellschaft und das einzelne Individuum, steht die Informatik heute vor grundlegend neuen Herausforderungen und muss sich auf die neuen Anforderungen gezielt einstellen.
  9. Eric Hilgendorf, Julius-Maximilians-Universität Würzburg (27.6. Entfallen.):
    Recht und Digitalisierung. Wie die digitale Transformation das Recht verändert
    In dem Vortrag sollen wichtige Auswirkungen der Digitalisierung auf das Recht thematisiert werden. Dabei werden insbesondere Veränderungen der Rechtsanwendung und Gesetzgebung zu untersuchen sein. Es gilt zu klären, wie sich das Recht ändern muss, um seine Kernaufgaben - Konfliktvermeidung und Konfliktregulierung - auch unter Bedingungen der Digitalisierung weiterhin erfolgreich erfüllen zu können.
  10. Ursula Münch, Akademie für Politische Bildung Tutzing (4.7.):
    Digitalisierung als Bedrohung der Demokratie? Politikwissenschaftliche Untersuchungsansätze und Einordnungen [Folien]
    Politikwissenschaft analysiert Machtbeziehungen und Interessenlagen von Akteuren ebenso wie politische Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse. In der Veranstaltung geht es um die Auswirkungen der Digitalisierung auf die verschiedenen Dimensionen der politischen Partizipation sowie die Interessenlagen von Akteuren mit Blick auf die Gestaltung entsprechender Rahmenbedingungen.
  11. Julian Nida-Rümelin, LMU München (11.7.):
    Philosophische Aspekte der Digitalisierung [freier Vortrag, keine Notizen verfügbar]
    Die Digitalisierung verändert Kommunikationsformen, soziale Praktiken, Arbeits- und Lebenswelten. Auch, wenn sich diese Veränderungen nicht genau prognostizieren lassen, so ist es doch sinnvoll philosophische und erhische Aspekte der Digitalisierung zu klären.
  12. Markus Anding, Munich Center for Internet Research und excubate (18.7.):
    Startups, Inkubation und Exkubation [Folien]
    Die Digitalisierung verändert branchenübergreifend die Art und vor allem die Geschwindigkeit von Produkt- und Geschäftsmodellinnovationen in bestehenden und Startup-Unternehmen. Bisherige Strategien für Innovationen, bspw. klassische Produktenwicklungsprozesse oder der Aufbau von Startup-Acceleratoren, scheinen ungeeignet für nachhaltige digitale Innovationen in bestehenden Unternehmen und tragen bislang selten zu signifikanter Geschäftsentwicklung bei. Im Vortrag wird „Exkubation“ als Erfolg versprechendere Variante thematisiert und kritisch diskutiert.
  13. Thomas Hess, LMU München (25.7.):
    Digitalisierungsstrategien und Geschäftsmodelle im Wandel: Das Beispiel Medien [Folien]
    Als eine der ersten Branchen wurde die Medienindustrie mit den Chancen und Risiken der Digitalisierung konfrontiert. Der Vortrag gibt einen Überblick über die Entwicklung bis heute und stellt die aktuellen Digitalisierungsstrategien und Geschäftsmodelle ganz unterschiedlicher Medienunternehmen vor. Ansatzpunkte für die Übertragung auf andere Branchen werden aufgezeigt.

Organisation: Prof. Dr. Alexander Pretschner; Kontakt: Edeltraud Fichtl