Öffentliche Ringvorlesung "Digitalisierung" Sommer 2022

Die schnelle Verbreitung des Internet in der Gesellschaft hat einen weitreichenden zivilgesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umwälzungsprozess befördert. Zunächst nur eine technische Infrastruktur, ändert das Internet heute fundamental die Art und Weise, wie Menschen kommunizieren und sich informieren, wie ihre Arbeitswelt aussieht und sie ihre Freizeit gestalten, wie politische Prozesse funktionieren, Meinungen entstehen und wie Werte geschaffen und Wissen vermittelt wird. Damit hat das Internet tiefgreifende Auswirkungen auf die zivilgesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung eines Landes und seine Position im globalen Wettbewerb.

Dieser Wandel stellt auch die deutsche Gesellschaft vor große Herausforderungen. Auch hier trifft der Umbruchprozess auf eine Gesellschaft mit gewachsenen Sozialbeziehungen, auf ein international erfolgreiches wirtschaftliches System und auf Menschen, die in ihrer großen Mehrheit diese Gesellschaft mit viel Engagement mittragen und weiterentwickeln wollen. Der mit dem Internet und der Digitalisierung verbundene Umbruchprozess findet nicht auf der "grünen Wiese" statt. Er muss von einer gewachsenen Gesellschaft aktiv gestaltet werden. Um den erreichten gesellschaftlichen Zusammenhalt zu wahren, ist es gerade in Deutschland und anderen Industriestaaten erforderlich, die sich abzeichnenden Veränderungsprozesse aufmerksam durch politische Maßnahmen zu begleiten, um ihre gesellschaftlichen und ökonomischen Chancen nutzen und Verwerfungen frühzeitig entgegensteuern zu können. Die technologischen Veränderungen und Möglichkeiten treffen die Gesellschaft mit einer derartigen Wucht, dass sogar die entscheidende Frage, wie die Gesellschaft im Zeitalter der Digitalisierung eigentlich aussehen und funktionieren soll, nur zögerlich gestellt wird und das enorme gestalterische Potential ebenfalls nur sehr zögerlich debattiert und realisiert wird. Wir wollen dazu beitragen, die Gesellschaft zu ermächtigen, auch in Zeiten der Digitalisierung ihr Schicksal aktiv selbst zu gestalten und nicht passiv Opfer unverstandener oder nicht erkannter Entwicklungen zu sein.

In Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Forschungsinstitut für Digitale Transformation veranstaltet die Fakultät für Informatik der Technischen Universität München deswegen eine öffentliche Ringvorlesung zum Thema Digitalisierung. Betrachtet werden soll das Thema aus der Perspektive unterschiedlicher Disziplinen, um so ein übergreifendes und interdisziplinäres Verständnis der Materie zu erzielen.

Themen und Vortragende jeweils am Montag um 16:30 Uhr über Youtube. Die Folien werden Studierenden der TUM auf Moodle zur Verfügung gestellt.

Die Grundlage der Digitalisierung ist Software. Hier (und hier auf Englisch) finden Sie eine Beschreibung dessen, was Software eigentlich ist und wie Software und Künstliche Intelligenz, vor allem Maschinenlernen, zusammenhängen.

 

  1. Prof. Chris Hoofnagle  , UC Berkeley (02.05.), english

    The Quantum Age
    Quantum technologies have provided capabilities that seem strange, are powerful, and at times, frightening. These capabilities are so different from our conventional intuition that they seem to ride the fine border between science fiction and fantasy. Yet some quantum technologies can be commercially purchased today, and more are just around the corner.
    In Law and Policy for the Quantum Age (Cambridge University Press, 2022), Chris Hoofnagle and Simson Garfinkel explain the genesis of quantum information science and the development of related technologies: quantum sensing, computing, and communication. The book uses scenario analysis to consider four futures for quantum technologies. Hoofnagle will discuss the areas where quantum technologies are likely to shape current technology policy problems and the areas where new challenges will arise.

  2. Prof. Dr. Doris Fischer, Universität Würzburg (09.05.)

    The Chinese Social Credit System between trust management and social engineering
    The Chinese Social Credit System has attracted a lot of attention outside China in the past years. This is mainly due to the idea that it is an instrument of the Chinese government to install a nationally unified system of digitalised surveillance. This lecture will look at the historic, political, and economic origins of the Social Credit System and analyse the status quo of its implementation. Against this background it will discuss in more depth the system's different functions and prospects. It will argue that by merely looking at the system as a surveillance instrument we might miss the forest for the trees.

  3. Christoph Bornstein , TLGG (16.05.)
    SOVEREIGNTY MATTERS: Europas Option im Zeitalter der Tech-Geopolitik
    Der technologische Fortschritt ist längst in der Geopolitik angekommen – als ihr Treiber, Medium und Werkzeug. Digitalisierung und globaler Wettbewerb haben sich in den letzten Jahren gegenseitig beeinflusst und dabei deutliche Unterschiede zwischen Volkswirtschaften, Herrschaftsformen und Ideologien offengelegt. Daten wurden zum Machtinstrument, private Tech-Konzerne zu globalen Anbietern essenzieller Infrastrukturen und soziale Medien zu Meinungs- und Kulturtreibern. Das Ergebnis: In einer Welt, die vor kurzem noch grenzenlos globalisiert sein wollte, haben sich riskante Abhängigkeiten, unerwartete Angriffsvektoren und ein neues Stammesdenken entwickelt.
    Wer diese Entwicklung umkehren oder doch bremsen möchte, muss sie erkennen und verstehen. Der Gründer, Investor und Generalist Christoph Bornschein beleuchtet die Zusammenhänge zwischen Tech-Stacks, Geldpolitik, Internetregulierung, Cyberangriffen und Gesundheitsdaten. Er zeigt neue Lösungswege und beschreibt eine neue Rolle für ein Europa zwischen “Wiege der Demokratie” und “Spätzünder der vierten industriellen Revolution”.
     
  4. Aurel Stenzel, SINE foundation (23.5.)
    Data Sharing Dilemmas – ein Lösungsansatz mit Technologie und Governance
    Wir befinden uns in einem Data Sharing Dilemma: Um nicht die Kontrolle über sensible Informationen zu verlieren, ist es eine rationale Entscheidung für Einzelne, Daten nicht zu teilen. Ihren wahren Wert entfalten Daten jedoch erst dann, wenn sie eine kritische Masse erreichen, in Kontext gesetzt und in verwertbare Informationen umgewandelt werden können. Daher profitieren derzeit nur wenige große Plattformen vom digitalen Wandel. Wir verschenken dadurch ein enormes Potenzial für die Gesellschaft.
    Der Mathematiker und Unternehmer (Ex-COO Adjust, Mitgründer SINE Foundation) Aurel Stenzel forscht im Rahmen seiner Doktorarbeit zu der Frage wie wir Data Sharing Dilemmas für die Gesellschaft sinnvoll auflösen können. Mit einem Ausflug in die Spieltheorie und die Ökonomie wird das Data Sharing Dilemma eingeführt, um daraus Lösungsmöglichkeiten abzuleiten. Interoperable IT-Systeme in Kombination mit moderner Kryptographie können uns helfen die ex-ante Transaktionskosten wie auch die ex-post Risiken von Datenkollaboration zu minimieren, um damit das Dilemma aufzulösen. Datennutzung und Datensouveränität müssen nicht im Widerspruch stehen. Anhand eines konkreten Beispiels aus der Nachhaltigkeit erarbeiten wir die dafür notwendigen Bausteine. (Spoiler: Gleichzeitig werden wir auch lernen, dass die Blockchain nicht die Lösung aller Probleme ist.)
     
  5. WIRD VERSCHOBEN! KEIN VORTRAG am 30.5. --- Prof. Dr. Dr. Robert Krimmer, University of Tartu/Estonia (30.05.)
    Digitale Transformation möglich machen – Erfahrung aus dem digitalisierten Estland
    Die ehemalige Sowjetrepublik Estland gilt als Wunderland der digitalen Transformation – elektronische Steuererklärung, Internetwahlen, e-Residence, digitaler Datenaustausch nach dem Once-Only-Prinzip – Estland hat es alles und zeigt dem Rest der Welt wie das geht. Doch wie ist das erklärlich, ist das kleine Land von der Größe der Schweiz oder der Niederlande mit nur 1,3 Millionen Einwohner doch recht dünn besiedelt und erst seit knapp 30 Jahren unabhängig. Robert Krimmer gibt einen Einblick in die Hintergründe aber auch die Problemfelder des baltischen digitalen Tigers, wie das Land auch oft gern genannt wird, und stellt dabei sein Konzept „Haus der Digitalen Transformation“ vor.

  6. Prof. Dr. Thomas Hess , LMU München und bidt (13.06.)

    Management der digitalen Transformation: CDOs, Digitalstrategien und andere Management-Instrumente in Theorie und Praxis
    Im Kontext der digitalen Transformation überprüfen Unternehmen ihre Produkte und ihre Schnittstellen zum Kunden, verändern ihre Geschäftsprozesse und stellen ihre Geschäftsmodelle auf dem Prüfstand. Damit dies nicht nur zufällig geschieht, beschäftigen sich immer mehr Unternehmen mit der Einrichtung von Managementstrukturen, die helfen sollen, die digitale Transformation systematisch zu bewältigen. Der Vortrag präsentiert einen Überblick über die wichtigsten Instrumente. Vertieft behandelt werden neue Rollenmodelle (z.B. das eines Chief Digital Officers), Inhalte und Entstehungsprozess von Transformationsstrategien und die (fragwürdige) Rolle von „Digital Assessments“.

  7. Prof. Dr. Hannah Schmid-Petri , Universität Passau und bidt (20.06.)

    Soziale Medien als Treiber von Integration oder von Fragmentierung? Die multilinguale Debatte auf Twitter über die Corona-Impfung in Deutschland
    In einem Deutschland mit zunehmender kultureller, ethnischer und sprachlicher Vielfalt ist die soziale Integration von unterschiedlichen Gruppen mit verschiedenen Hintergründen eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass sowohl traditionelle als auch digitale (Massen-)Medien eine wichtige Rolle im Integrationsprozess spielen. Allerdings können diese sowohl Integration erleichtern als auch diese behindern und eine Fragmentierung in voneinander isolierte Teilpublika fördern. Vor diesem Hintergrund ist die übergeordnete Frage unseres Forschungsprojekts: Wie integriert oder fragmentiert ist die multilinguale Debatte auf Twitter in Deutschland über die Corona-Impfungen? Konkret befassen wir uns dabei mit der Twitter-Debatte über die Impfstoffentwicklung und Impfkampagne gegen COVID-19 in Deutschland. Ein besonderes Augenmerk liegt, neben der deutschen, auf den englischen, türkischen, russischen und polnischen Sprachgemeinschaften in Deutschland. Dabei interessiert uns besonders wie die von Deutschland ausgehende multilinguale Debatte auf Twitter strukturiert ist (also bspw. entlang der Sprachcommunities oder entlang bestimmter gemeinsamer, inhaltlicher Positionen) und ob sich bestimmte Akteure identifizieren lassen, die als Broker, Gatekeeper oder „language bridges“ zwischen den unterschiedlichen communities fungieren.

    Die de facto Mehrsprachigkeit öffentlicher Debatten in Einwanderungsgesellschaften wurde bislang in der empirischen Forschung selten berücksichtigt, obwohl dieser bei Themen von gesamtgesellschaftlicher oder gar transnationaler Tragweite sowohl eine praktische als auch eine demokratietheoretische Relevanz zukommt.

  8. Prof. Daniel Weitzner, Director of the MIT Internet Policy Research Initiative (27.06.), in English
    Continuous Cybersecurity Improvement: Taking cyber insurance seriously

    Why is society having such a hard time managing cybersecurity risk? As we become more dependent on digital infrastructure all indications are that losses from cybersecurity attacks are rising around the world. In this talk we will show that the failure to manage risk arises from a lack of data on the magnitude and actual causes of losses. Further, though there is much attention paid to cybersecurity insurance, the structure of the cyber insurance marketplace in fact departs from well-established insurance loss management principles. First, we examine the cyber risk posture of one political jurisdiction in the United States. We propose the goal of continuous, measured improvement in cybersecurity posture for municipalities, and propose a state-sponsored, eligibility-restricted insurance mechanism for municipalities to systematically lower their cyber risk to meet that goal. In exchange for commitments to implementing regularly-updated cybersecurity best practices, municipalities would receive high-quality, affordable insurance against catastrophic cyber-related losses, and a commitment from the state to aggregate loss and resource-use data to provide best-in-class cybersecurity infrastructure help. This public-sector cybersecurity goal and implementation strategy has implications far beyond this one jurisdiction and has lessons to offer for cybersecurity policymaking in general.
    Joint work with Taylor Reynolds and Avi Baral

  9. Prof. Dr. Kathrin Möslein , FAU Erlangen-Nürnberg (04.07.)

    Understanding Innovation Ecosystems
    Jeder spricht heute von Innovations-Ökosystemen, doch was verbirgt sich dahinter? Der Vortrag diskutiert Ökosysteme als Koordinationsformen für Innovation und Wertschöpfung, fragt nach der Rolle von Plattformen und der Bedeutung des Digitalen und Realen für die Funktionsweise von Ökosystemen. Egal, ob wir vom Münchner Startup-Ökosystem, dem Fränkischen Innovations-Ökosystem, dem Chinesischen KI-Ökosystem oder dem Dänischen Drohnen-Ökosystem sprechen, einige Grundregeln der Mobilisierung, Orchestrierung und Wertschöpfung gelten übergreifend. Das macht sie spannend und zeigt die Potentiale, aber auch Grenzen des Konzepts.
  10. Prof. Dr. Jan-Hendrik Passoth , European New School of Digital Studies, Frankfurt/Oder, (11.7.)

    Plattformen, Infrastrukturen und Gemeinwohl: Digitale Technologien für gesellschaftlichen Zusammenhalt?
    Digitale Infrastrukturen und die Plattformen, die auf ihnen betrieben werden, sind fest in privatwirtschaftlicher, oft monopolähnlicher Hand. Die Folgen dieser Dominanz für Wettbewerb und Wahlfreiheit, vor allem aber für Demokratie und Zivilgesellschaft sind in den letzten Jahren ausführlich diskutiert worden. Insbesondere in Europa werden mit Initiativen wie dem Digital Services Act und dem Digital Markets Act regulative, mit dem Digital Compass 2030 auch strategische Maßnahmen ergriffen. Ihr Fokus liegt aber vor allem auf einer Kombination von Regulierung und Industriepolitik – oder auf den Punkt gebracht: auf Schutz, Strafe und Subvention. Der Vortrag befasst sich ausgehend von dieser Beobachtung mit der Frage, wie sich darüber hinaus Alternativen zu digitalen Plattformen und Infrastrukturen fördern und stärken lassen, die an Gemeinwohl, Grundrechtsschutz und demokratischen Werten und Verfahren orientiert sind. Dabei werden neben den Möglichkeiten und Grenzen der Gestaltung gemeinwohlorientierter Technologien auf regulativer und institutioneller Ebene – also durch Gesetzgebung, Aufsicht und Beteiligung – auch einige Beispiele aus vielversprechenden Versuchen aus Wirtschaft, öffentlichen Einrichtungen und Zivilgesellschaft beleuchtet, die versuchen, Gemeinwohl als Public Value schon bei der Entwicklung digitaler Angebote zu berücksichtigen.

  11. Dr. Uwe Dumslaff, Capgemini Deutschland (18.07)
    Data Driven Government – Rahmenbedingungen für den digitalen Fortschritt
    Mit dem „eGovernment Benchmark 2021 Insight Report – Entering a New Digital Government Era“ wird vorgestellt wie Regierungen und Behörden in Europa Services von Offline nach Online transformieren: In welchem Umfang und mit welcher Qualität werden digitale Services für Bürger bereitgestellt? Welche Unterschiede existieren zwischen den europäischen Ländern und was macht die Vorgehensweisen der Vorreiter aus? Für Deutschland lassen sich daraus einige Rückschlüsse bilden hinsichtlich Verbesserungen im Umfang und in der Qualität als auch in der Beschleunigung zur Bereitstellung von digitalen Services. Darauf wird im „Data Driven Government“ eingegangen und bedeutet hier, vorhandene Daten und Informationen zu erkennen, bereitzustellen, nutzbar zu machen und auszuschöpfen, um für eine bestimmte Aufgabe verwertbare Erkenntnisse zu gewinnen. Im Mittelpunkt steht der öffentliche Auftrag inklusive der Gestaltung der Rahmenbedingungen für digitalen Fortschritt und damit verbundenem Nutzen für die Bürger, die vor allen Dingen Menschen sind.
  12. Matthias Grund (25.07.) , andrena objects ag (25.07.)

    Engineering, Easiness, Empowerment
    Die Digitalisierung verändert Produkte, Dienstleistungen und unseren Lebensstil. Diese Veränderungen wälzen Märkte um. Neue Anbieter entstehen. Alte werden verschwinden – und das sind nicht nur Buchläden. Die Fähigkeit zu digitalen Innovationen wird zur Überlebensfrage, gerade für etablierte Marktteilnehmer.
    Digitale Innovationen sind software-basiert. So werden Geschwindigkeit, Präzision und Flexibilität in der Software-Entwicklung erfolgskritisch: Die vielbeschworene „Agilität“.
    Professionelles „Agile Software Engineering“ besteht im intelligenten Zusammenspiel von Engineering (eXtreme Programming), Prozess-Steuerung (Scrum) und Produktmanagement (Product Ownership).
    Agilität ist entstanden, als Gegensätze zusammenfanden: Engineering und Easiness. Und Empowerment!
    Matthias Grund führt auf eine Reise durch die Geschichte des Software Engineerings. Von Garmisch-Partenkirchen nach Palo Alto, Boston und wieder zurück. Was sind die notwendigen Zutaten für professionelle Agilität? Was sind Werte und Prinzipien? Welche Praktiken sind unabdingbar? Von welchen Erfahrungen können wir lernen? Wo stehen wir heute? Wie geht es weiter?

 

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